Es gibt keine Fehler – nur Erfahrungen
Vor Kurzem ist während einer Behandlung eine Situation entstanden, wo Sätze gefallen sind wie: „Das habe ich falsch gemacht“ oder „Das war ein großer Fehler.“
Ich habe mich danach noch länger mit meiner eigenen Antwort auf diese Aussage beschäftigt, nämlich:
„Es gibt keine Fehler.“
Im ersten Moment klingt das ein bisschen eigenartig oder vielleicht sogar überheblich. Natürlich kennen wir alle Situationen, bei denen wir im Nachhinein sagen: „Das hätte ich jetzt anders machen sollen.“ Oder: „Ich hätte mich anders entscheiden sollen.“ Vielleicht auch: "Ich hätte früher reagieren sollen". Manchmal sogar verzweifelt wie: „Wenn ich nur auf mein Gefühl gehört hätte.“
Aber da beginnt für mich dann schon das grundsätzlicheThema.
Wir beurteilen eine Entscheidung, die wir vor fünf, zehn oder dreißig Jahren getroffen haben, mit dem Wissen und der Lebenserfahrung, die wir heute haben. Nicht mit dem Moment, in dem wir damals so entschieden haben.
Ist das wirklich fair?
Damals warst du ein anderer Mensch
Jede Entscheidung entsteht in einem bestimmten Augenblick unseres Lebens, mit den Möglichkeiten, die uns damals zur Verfügung standen, mit all unseren Erfahrungen und unseren Ängsten und natürlich auch mit unseren Stärken.
Sogar unsere Unsicherheit gehört zu diesen damaligen Möglichkeiten.
Und was wäre eine Situation ohne die Menschen, die damals um uns herum waren? Auch diese gehören dazu.
Im Heute wissen wir vielleicht mehr oder wir würden manches ganz anders machen. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass unser damaliges Ich versagt hat oder einen Fehler gemacht hat.
Es hat genau das getan, was zu diesem Zeitpunkt möglich war.
Und trotz alledem tragen wir Menschen Entscheidungen jahrelang mit uns herum.
Wir fragen uns:
Warum habe ich das zugelassen oder bin ich geblieben?
Warum bin ich gegangen?
Sehr oft sogar:
Hätte ich doch nur etwas gesagt.
Und manchmal auch:
Warum habe ich mich nicht getraut?
Irgendwann wird aus einer vergangenen Situation ein persönliches Urteil über unser eigenes Leben.
Der Körper kennt diese Geschichten
In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder etwas sehr Spannendes.
Ein Mensch kommt wegen eines körperlichen oder energetischen Themas zu mir und dann zeigt sich während der Arbeit etwas, das scheinbar überhaupt nichts mit dem ursprünglichen Anliegen zu tun hat.
Eine alte Situation oder Erinnerung, oft auch nur ein Gefühl.
Und dann ist es noch dazu etwas aus einer Zeit, an die sich der Mensch bewusst kaum noch erinnert.
Ich betrachte das aus meiner energetischen Sicht, aus dem, was ich am menschlichen Körper sehe. Dabei geht es mir nicht darum, die Vergangenheit zu analysieren oder nach Schuld zu suchen.
Ganz im Gegenteil.
Mich interessiert viel mehr:
Warum beschäftigt diese alte Geschichte den Menschen, ja sogar seinen Körper, jede einzelne Zelle heute noch?
Meist braucht es gar keine Antwort darauf.
Es reicht schon ein anderer Blickwinkel.
Du kannst die Vergangenheit nicht verändern
Dieser Satz wird sehr oft gesagt.
Er stimmt natürlich. Was geschehen ist, ist geschehen.
Aber etwas anderes können wir sehr wohl ändern:
Wir können verändern, wie wir heute darauf schauen.
Meist ist nämlich etwas, das wir jahrelang als Fehler bezeichnet haben, tatsächlich eine Erfahrung.
Es kann sein, dass uns eine Entscheidung auf einen Weg gebracht hat, den wir sonst niemals gegangen wären.
Sehr oft mussten wir manches erst erleben, um im Heute zu wissen, was wir tatsächlich wollen.
Und vielleicht dürfen wir sogar irgendwann sagen:
„Mit dem Wissen von heute würde ich anders entscheiden, damals habe ich so entschieden, wie ich es nur damals konnte.“
Das ist für mich ein gewaltiger Unterschied, denn damit ist es nicht nötig, die Vergangenheit schönzureden oder sogar zu verdrängen.
Wir dürfen sie einfach dort lassen, wo sie hingehört, nämlich hinter uns.
Was würdest du deinem früheren Ich sagen?
Genau diese Frage finde ich besonders spannend.
Stell dir einmal vor, du könntest dem Menschen begegnen, der du vor zwanzig oder dreißig Jahren gewesen bist.
Würdest du wirklich vor ihm stehen und sagen:
„Du hast alles falsch gemacht“?
Oder würdest du sehen, wie sehr dieser Mensch versucht hat, sein Leben zu bewältigen?
Vielleicht würdest du sagen:
„Heute weiß ich mehr als du damals, aber genau du mit dem damaligen Wissen hast mich bis hierher gebracht.“
Und genau dort beginnt etwas Neues.
Es ist nicht unsere Aufgabe, unsere Vergangenheit zu vergessen. Es ist aber auch nicht unsere Aufgabe, alles gutzuheißen, was geschehen ist.
Vielmehr dürfen wir aufhören, unser heutiges Leben dafür zu bestrafen.
Ich bin davon überzeugt, dass es tatsächlich viel weniger Fehler gibt, als wir glauben.
Es gibt vor allem Erfahrungen, und aus jeder einzelnen Erfahrung dürfen wir heute etwas anderes machen.
Wir dürfen aus diesen Erfahrungen unser Leben wohlwollend betrachten.
Eure
